Der Symphonische Relativismus

Seid meiner verstärkten Twitter-Aktivität die letzten Monate habe ich jetzt öfters gehört, dass es schwierig sei, mich einzuordnen, oder dass die Menschen nicht aus mir schlau werden. Einerseits freue ich mich, nicht einfach in eine Schublade zu passen (denn des Schubladen-Denken macht Kommunikation zwischen Schubladen fast unmöglich), andererseits wünschte ich mir natürlich schon, wenn man aus mir schlau werden könnte.

Bin ich nicht einfach nur Relativist, der Feyerabends »Anything goes« versucht zu kultivieren? Irgendwie schon, da ich mich versuche, von absoluten Bezugspunkten wie einer „absoluten“ Wahrheit fernzuhalten. Gleichzeitig vertrete ich aber durchaus kontroverse Standpunkte, die ich auch mit einiger Vehemenz und Verbissenheit verteidige. Ein waschechter Relativist wäre da entspannter.

Wenn wir argumentieren, versuchen wir nach logischen Regeln Argumentationsketten zu bilden und – wenn möglich – uns nicht in Widersprüche zu verwickeln. Wie ich in dem Artikel zur Widerspruchsfreiheit erläutert habe, kann man aber nur in begrenzten, abgeschlossenen Systemen widerspruchsfrei argumentieren. Aktivisten, die versuchen, mit ihrem Thema die Welt zu verändern, können mit einer relativistischen Position nichts anfangen, sondern brauchen einen ganz klaren Argumentationsrahmen, der ihnen erlaubt, ausreichend überzeugt zu sein, um für die von ihnen erkannte richtige Sache zu kämpfen, selbst wenn die ganze Welt gegen sie ist.

Nur gibt es leider zu jedem dieser Argumentationsrahmen auch eine genau gegenteilige Ansicht, und außerdem nahezu unendlich viele Themen, derer man sich annehmen könnte. Das ist zermürbend und hat mir in Bezug auf den Nahostkonflikt fast den Verstand geraubt (siehe „Die 2. Aufklärung„). Wie gehe ich aber jetzt damit um?

Als Musiker erscheint es für mich so, als ob jeder dieser Aktivisten seine Melodie gefunden hätte: Eine Tonfolge, die wohl strukturiert und in vielen Fällen sogar sehr wohlklingend ist, und auch ohne allzu große Schwierigkeiten anderen Menschen beigebracht werden kann. Ich kenne viele dieser Melodien, nur habe ich die Schwierigkeit: Ich kann mich nicht für eine dieser Melodien als die „wahre“ oder „wichtigste“ entscheiden.

Ich höre mir die verschiedenen Melodien an, und in meinem Kopf ist es, als hörte ich ein polyphones Werk, eine Symphonie: Mal harmonisch, mal dissonant. Und so beginne ich, mir die einzelnen Melodien vorzunehmen und kennenzulernen. Jede einzelne ist wie eine einzelne Dimension in unserer vieldimensionalen Welt. Ich modifiziere meinen Standpunkt in einer einzelnen Dimension etwas, verändere die Melodie ein wenig. Und höre in mich hinein, wie sie mit den anderen Melodien, die ich so kenne, zusammenpasst.

Der Maßstab dafür, ob eine Melodie für mich gut klingt oder nicht, ist nicht absolut. Ich habe keine absolute Instanz, die mir sagt, ob meine Argumentation jetzt legitim ist oder nicht. Mein Maßstab ist relativ, da meine Melodie sich in die Harmonie der anderen Melodien, die ich wahrnehme, einreihen muss. So habe ich keinen absoluten Bezugspunkt, aber meine Positionen sind alles andere als beliebig.

Leider ist es nur schwierig, das, was ich höre, diese Partitur, in Fragmenten zu vermitteln. Ich kann natürlich mich zu einzelnen Themen äußern und meine Meinung auch erläutern. Aber meine tieferen Beweggründe, den Bezugsrahmen, der meine Position wesentlich beeinflusst, den kann ich nicht diskursiv vermitteln. Da müsste man sich zusammen hinsetzen, und einfach der Symphonie lauschen. Und wenn wir Dissonanzen hören, gemeinsam die einzelnen Melodien abändern, so dass wir am Ende ein wunderschönes, harmonisches Werk genießen dürfen. Den Symphonischen Relativismus.

Die Sprüche der Väter drücken es so aus:

Wer ist weise?
Der von jedem Menschen lernt.
Wer ist stark?
Der seine Leidenschaft besiegt.
Wer ist reich?
Der mit seinem Schicksal zufrieden ist.
Wer wird von den Menschen geehrt?
Der die Menschen ehrt.

Lasst uns von jedem Menschen lernen, die Menschen ehren und gemeinsam eine wunderschöne Symphonie erschaffen.

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