Die 2. Aufklärung

Ein Artikel über Thilo Sarrazin auf dem Sprengsatz hat meine Aufmerksamkeit erregt. Eine kurze Bemühung von Googles Blogsuchmaschine hat mir das ganze Ausmaß der Bescherung offenbart: Sarrazin mausert sich zu einer Zerreißprobe für Deutschland, und meines Erachtens für das gesamte christlich-aufgeklärte Abendland.

Der Blogspiegel

Ein Teil der links orientierten Blogger stürzt sich auf Sarrazin, als ob er eine Reinkarnation Hitlers wäre (nachdenkseiten.de, Fareus, Lupe, paramantus.net, Hirndübel, Der Postillon): In allen Beiträgen kommt das Wort „Nazi“ oder „Hitler“ vor (natürlich nicht direkt auf Sarrazin angewendet).

Ein anderer Teil der eher konservativen Blogger tendiert dazu, in den heftigen Reaktionen auf Sarrazin eine mangelnde Meinungsfreiheit zu sehen, die die Bedrohung der westlichen Werte belegt durch Politische Korrektheit seitens der Deutschen und eine Unterwanderung durch fremde Werte (wie die des Islams): TheoBlog.de, schneider-breitenbrunn.de, Sehr geehrte Damen und Herren, Freigeisterhaus.

Dann gibt es glücklicherweise noch einige Bemühungen, sich differenzierter mit dem Problem Sarrazin und den von ihm erfreulich klar formulierten Problemen auseinandersetzen. Da liest man bei „Die Achse des Guten“ eine intelligente Satire, und Wir wollen leben! und nicsbloghaus.org beleuchten die enormen Schwierigkeiten, die Thilo Sarrazin ans Licht zerrt und deren Teil er selber ist. Auch wenn die drei letzt genannten nicht die enorme Polarisierung vorantreiben, so können sie doch leider keine praktische Hilfestellung geben, wie Thilo Sarrazin und den von ihm thematisierten Problemen beizukommen ist.

Ein interessanter Ansatz ist bei Der Dwarslöper zu finden: Hier wird versucht, sich dem Phänomen Sarrazin von der psychologischen Seite zu nähern. Leider wird es aber vollständig auf die psychologische Ebene reduziert, so dass am Schluss Sarrazin jeglicher Realitätsbezug abgesprochen wird (gleich zusammen mit Henryk M. Broder). Das ist nichts weiter als ein Argumentum ad hominem, das nicht nur die Würde dieser beiden aufrichtigen Menschen verletzt, sondern geradewegs in die Zensur führt.

Der Gesellschaftsspiegel

Was können wir aber tun, um den Teufelskreis der Polarisierung zu durchbrechen? Sollten wir das nicht schaffen, muss ich Michael Schmidt-Salomon beipflichten (auch wenn er mich aufgrund meiner kreationistischen Position erstmal nicht ernst nehmen wird): Wir laufen auf ein Jahrhundert der Glaubenskriege zu. Ich würde den Glauben aber im Sinne Feyerabends auf Traditionen erweitern: Wir laufen auf ein Jahrhundert der Traditionskriege zu. Abendland gegen Morgenland, Religion gegen Religion, Wissenschaft gegen Religion, Parteien gegen Parteien …

Der Pluralismus scheint das Ende des Menschen zu werden, weil er nicht gelernt hat, die Vielfalt als Bereicherung zu erleben. Der Pluralismus frisst sich selbst auf.

Thilo Sarrazin und Henryk M. Broder halten dieser Entwicklung lediglich den Spiegel vor: Sie legen den Finger immer wieder unerbittlich in die unangenehmsten Wunden. Und die Welt muss aufschreien, weil sie bisher keine Mittel hat, um die Wunden heilen zu lassen. Man kann nur davon ablenken, und sowohl Sarrazin als auch Broder versuchen das zu verhindern.

Damit stehen sie in der selben Tradition wie Neil Postman, der 1985 das Buch „Wir amüsieren uns zu Tode“ geschrieben hat. Dieses Buch habe ich noch nicht gelesen, aber sein letztes Buch (1999) hat mich sehr angesprochen und geprägt, und ist namensgebend für diesen Beitrag:

Die zweite Aufklärung. Vom 18. ins 21. Jahrhundert.

Er versucht darin, die Mitte zwischen einem blinden Fortschrittsglauben (der sich vor allem auf technische Neuerungen stützt) und der Postmoderne zu finden, die es aufgegeben hat, Probleme zu lösen. Beide Extreme sagen aus, dass wir keine Probleme lösen müssen: Entweder weil es sie nicht gibt (alles wird besser), oder weil wir als Menschen keine Handhabe haben sie zu lösen (Postmoderne). Erstere Position stellt sich spätestens mit Sarrazin und Broder als nicht mehr vertretbar heraus, letztere Position hielt Postman für einen Luxus, den wir uns nicht leisten können. Darin kann ich ihm nur beipflichten.

Der historische Spiegel

Wir haben im 20. Jahrhundert die größte Entfernung von dem erlebt, was man das Paradies nennen könnte: Das Leid, das die Welt in diesen 100 Jahren erfuhr, hatte ein noch nie zuvor gesehenes Ausmaß, und ich kann nur dafür beten (Atheisten mögen bitte etwas ihnen Entsprechendes tun), dass das Grauen nicht wiederkehrt und dann noch größer wird. Die reale Gefahr, in der die Welt steht, drücken viele meiner Mitmenschen in ihren Gefühlen aus. Dieser Blog ist aus der Angst vor dieser Gefahr entstanden. Deshalb möchte ich mich meinen jüdischen Mitmenschen auf der ganzen Welt zur Seite stellen und rufen:

Nicht noch einmal, nie wieder!

Das gilt für mich im Speziellen für die Juden, im Allgemeinen aber für jeden einzelnen Menschen auf dieser Welt: Ob sie nun Juden, Moslems, Christen, Deutsche, Weiße, Schwarze, Männer, Frauen, Alte, Junge, Israelis oder Palästinenser sind.

Avraham Burg, ehemaliger Sprecher der Knesset, hat ein Buch geschrieben, dass er zunächst „Hitler hat gesiegt“ nennen wollte, weil er beobachtet und erlebt, wie der Holocaust in Israel zu einem nationalen Trauma geworden ist, und Hitler über seinen Tod hinaus seine Macht zeigt. Während des Schreibens hat Burg aber wieder Hoffnung geschöpft, weshalb der Name seines Buches statt dessen lautet: Hitler besiegen: Warum Israel sich endlich vom Holocaust lösen muss.

Ich möchte in Zukunft keine polarisierenden Bücher mehr lesen wie Der ewige Antisemit von Henryk M. Broder, das dazu tendiert, Antizionismus und Kritik an Israel mit Antisemitismus gleichzusetzen (früher hieß es „Juden raus Europa“, heute heißt es „Juden raus aus Palästina“). Die Schwierigkeit für mich ist nicht, dass ich mit seinen Aussagen Probleme habe bzw. den berüchtigten wahren Kern nicht sehen kann. Es hilft mir nur nicht weiter, kein Antisemit zu sein. Auch will ich nicht mehr Antisemitismus als politische Waffe von Norman G. Finkelstein lesen, der haarklein alle unglaublichen Menschenrechtsverletzungen aufzählt, die in der bisherigen Geschichte Israels schon begangen wurden. Ich denke, Finkelstein hat genauso recht wie Broder. Das Grausame: Diese beiden Pole können einen Menschen, der einfach nur versucht ein friedliches Leben zu leben, zermalmen. Höre ich auf Finkelstein, werde ich von Broders scharfem Schwert erschlagen, höre ich auf Broder falle ich Finkelstein zum Opfer. Ich kann nur verlieren.

Zum Glück kam Avraham Burg, jemand der selber zwischen den Mühlen steht und nicht meint, diese noch schneller und härter machen zu müssen, sondern auf das menschliche Dilemma zwischen den Mühlen aufmerksam macht und dafür sensibilisiert. Ich bin froh, die Mühlen, die in Israel mahlen, nicht am eigenen Leib erleben zu müssen, aber ich denke, dass die Entsprechung dieser Mühlen in unseren Köpfen ebenso am Mahlen ist. Und Sarrazin tut so weh, weil er die Mühlen beschleunigt, ohne dass er ein Konzept dafür liefert, wie die Menschen aus den Mühlen befreit werden können.

Es gibt aber Hoffnung, die sich auch im 20. Jahrhundert zeigt: Die Pogromnacht, die sich am 9. November 1938 ereignete und die langen Schatten des Verderbens vorauswarf, ereignete sich auf den Tag genau 41 Jahre vor dem Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989. Die Zahl 40 hat aus religiöser Hinsicht einige Bedeutung, aber ich möchte meine nicht-religiösen Leser nicht unnötig strapazieren. Der Berliner Mauerfall kann aber tatsächlich als Gegenstück zum Holocaust verstanden werden: Noch nie zuvor ist eine Weltmacht einfach schlagartig in sich zusammengefallen. Und gute Freunde von mir, die den Mauerfall aus der ehemaligen DDR heraus miterlebt haben, haben mir erzählt, dass nicht viel gefehlt hätte, und es hätte ein grausames Blutbad geben können. So wie Hitlerdeutschland der Welt das bisher böseste Gesicht des Menschen gezeigt hat, hat Deutschland im Fall der Mauer das gewaltige Potential des Menschen zum Guten gezeigt. Und es gibt kaum für mich etwas Hoffnungsvolleres, als an der Spree am Berliner Hauptbahnhof in der späten Abendsonne die Freiheit und den Frieden zu genießen, an einem Ort, wo vor gerade mal 20 Jahren Menschen dafür erschossen wurden, dass sie die Freiheit gesucht haben.

Aber aus beidem, aus Holocaust und Mauerfall, ist es den Menschen bisher nicht gelungen, etwas Substantielles zu lernen. Es ist erst 20 Jahre her, und die Menschen haben schon vergessen oder noch nie gewusst, welches Wunder sich unter ihren Augen abgespielt hat. Und die letzten Überlebenden, sowohl auf deutscher wie auch jüdischer Seite, die die Zeit des Holocausts bewusst erlebt haben, sind jetzt über 80 Jahre alt, und werden innerhalb der nächsten 10 Jahre an einer Hand abzuzählen sein. Dann wird bald eine neue Ära anbrechen, in guter oder schlechter Hinsicht, in der die gesellschaftliche Erinnerung, die bisher durch die Augenzeugen personifiziert war, sich verändern wird. Bis zu diesem Zeitpunkt sollten wir mehr gelernt haben, als im Moment.

Gleichzeitig hat der Abbau von wirtschaftlichen Schranken eine Globalisierung ermöglicht, die – im Informatikerjargon gesprochen – eine kritische Komplexitätsmasse erreicht hat: Die Chaostheorie, nach der ein Flügelschlag eines Schmetterlings einen Tarnodo auslösen kann, ist in wirtschaftlicher Hinsicht bitterer Alltag geworden.

Diese Mischung ist es, die uns in eine ungewisse Zukunft blicken lässt, die uns zum Paradies zurückführen kann, oder uns noch tiefer in die diesseitige Hölle der menschlichen Abgründe absteigen lassen wird. Beides ist möglich, und jeder einzelne von uns ist ein Zünglein an der Waage.

„Nicht noch einmal, nie wieder”

Die Konsequenz

Deshalb mein Aufruf an alle Leser dieser Zeilen:

Lasst uns erkennen, dass wir den Acker nicht mit Schwertern bestellen können. Lasst uns unsere Schwerter zu Pflugscharen machen, und uns gemeinsam den Acker fruchtbar machen, der uns gegeben ist und bisher nur Dornen und Disteln hervorgebracht hat, weil wir damit beschäftigt waren, ihn mit unserem gegenseitigen Blut zu tränken.

Lasst uns nicht das Buch von Thilo Sarrazin kaufen. Lasst uns statt dessen die Probleme lösen, die er darin anspricht. Und zwar mit Pflugscharen.

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17 Kommentare zu Die 2. Aufklärung

  1. Fareus sagt:

    „Ich habe den Eindruck, dass Sarrazin mit seinem Gedankengut Göring, Goebbels und Hitler große Ehre erweist. Er steht in geistiger Reihe mit den Herren.“ –

    Stephan Kramer in einer Rede am 9. Oktober 2009 in Berlin

  2. Immanuel sagt:

    @Fareus: Inhaltlich gesehen kann ich die Aussage nachvollziehen. Aber welches Problem wird gelöst, wenn Sarrazin jetzt exekutiert wird?

  3. Pingback: Fareus in den Medien

  4. Fareus sagt:

    Welches Problem möchte Herr Sarrazin denn lösen?

  5. Immanuel sagt:

    Selbst wenn er kein Problem lösen wollte, würde seine Exekution nur neue Probleme schaffen: Menschen wie du und ich, die vielleicht mal etwas Unliebsames, politisch Unkorrektes sagen, um etwas Positives für die Gesellschaft zu bewirken, müssen dann nämlich Angst haben, als nächstes exekutiert zu werden. Kirsten Heisig, Gott habe sie selig, hat für ihre Jugendlichen gekämpft, wurde aber aus der gleichen Richtung beschossen wie Sarrazin. Ihr Tod hat mich sehr schockiert und tief getroffen.

    Das „wie“ bei Sarrazin ist sicherlich völlig indiskutabel, aber wie kannst du ausschließen, dass er bei allem Populismus nicht tatsächlich ein Problem lösen will? Oder kannst du die Probleme, die er anspricht, tatsächlich nicht einmal ansatzweise erkennen?

  6. Fareus sagt:

    Immanuel, die Probleme lassen sich nicht leugnen, aber man sie nicht mit rassistischen Genetik-Thesen erklären.

    Das Problem der Integration besteht schon seit Jahrzehnten. Hat es den Arbeitgeber interessiert das Ali kein Deutsch spricht, in Hinterhöfen lebt und betet.

    Nein, Ali brauchte kein Deutsch, weil er die primitivsten Arbeiten ausführen musste.
    Ali kam aus dem tiefsten Anatolien, er konnte nicht lesen und schreiben, was er anbieten konnte war seine Arbeitskraft.

    Ist Ali genetisch vorbelastet? Ist Ali genetisch minderwertiger als der Rest der Bevölkerung?

    Reden wir über Integration, über Chancengleichheit in Deutschland.

  7. Immanuel sagt:

    Genetische Minderwertigkeit kann nur postuliert werden, niemals empirisch abgeleitet werden. Aus Statistiken oder pseudo-wissenschaftlichen Studien eine genetische Minderwertigkeit welcher Volksgruppe auch immer abzuleiten, ist nur der Versuch, den eigenen Gefühlen eine rationale Basis zu geben. Wenn das alle außer Herr Sarrazin wissen, dann können wir seine Ausführungen als Ausdruck seines Gefühlslebens verstehen, und seine Bemühungen ins Leere laufen lassen, damit Aufmerksamkeit zu erlangen. Das Konzept der genetischen Minderwertigkeit halte ich persönlich für eines der wenigen Dinge, die die Welt überwunden hat. Damit kann man höchstens noch Einschaltquoten produzieren, ernst genommen wird man damit aber nicht mehr.

    Was die Chancengleichheit angeht, so sehe ich die Integrationsproblematik nur als einen Aspekt eines viel größeren Problems: Es wird dagegen gekämpft, dass Menschen nicht aufgrund der „Rasse“, der ethnischen Herkunft, des Geschlechts, der Religion oder Weltanschauung, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Identität benachteiligt werden. Ich träume davon, dass Menschen auch nicht aufgrund ihrer Intelligenz, ihrer Leistungsfähigkeit, der Zahl ihrer Kinder oder ihres Aussehens benachteiligt werden. Die große Anerkennung, die ein Mensch durch erfolgreiche Karriere und ein hohes Gehalt in unserer Gesellschaft erhält, steht in keinem Verhältnis zur Anerkennung, die Eltern erhalten, wenn sie für die Gesellschaft wertvolle Menschen aufziehen. Junge Frauen, die das Potential zu beidem haben, werden den Druck der Gesellschaft besser formulieren können, als ich.

    Die Chancengleichheit hängt auch eng mit unserem Wirtschaftssystem zusammen, das notwendigerweise auf dem wertfreien Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage beruht (aufgrund der Komplexität kann ein solches Gleichgewicht nicht gesteuert werden, und kann daher nicht unter dem Einfluss von moralischen Werten stehen). Das Problem ist nur, dass bei steigender Arbeitslosigkeit es zu einer Inflation der Bildungswerte kommt: Vor 50 Jahren war ein Hauptschulabschluss noch eine Garantie für eine sichere Zukunft. Heute fühle ich mich bestenfalls noch mit meinem Informatik-Diplom sicher (das liegt aber auch nur an der Branche, die der Motor für die Einsparung von Arbeitskräften ist). Es zerreißt mir das Herz, wenn ich darüber nachdenke, wie die Zukunftsaussichten derjenigen sind, die nicht mal einen Schulabschluss haben, ob sie nun aufgrund ihrer Biografie nur mäßig gut deutsch sprechen können oder nicht.

    Würde es uns selbst gut gehen, wäre die Gefahr, dass man einen Sündenbock suchen muss, sehr viel geringer. Insofern ist Sarrazin eine Alarmleuchte dafür, dass wir uns gesellschaftlich an dem Übergang befinden, wo der große Befreier wieder herbeigesehnt wird. Nicht wegen unserer ausländischen Mitbürger, sondern wegen uns selber.

  8. Sehr interessanter Text – grandios wie der Bogen von der derzeitigen Hysterie zu den ganz großen Fragen gespannt wird. In der Tat steht die Menschheit auch meiner Meinung nach zunehmend an einem Scheideweg. Sie hat einen Punkt erreicht, wo sie entweder aus den bisherigen Erfahrungen lernen und die komplexen Probleme richtig lösen kann – oder auf einen Zusammenbruch zusteuert. Darin gleichen wir anderen untergegangenen Gesellschaften wie den Osterinseln, den Maya und anderen. Diese bekamen die Kurve nicht. Nur das es damals begrenzte Gesellschaften waren. Durch die Globalisierung stehen wir vor Problemen, die entgrenzt sind und wenn sich der Zusammenbruch ereignet werden alle betroffen sein (auch wenn einige sicherlich besser wegkommen werden). Mir kommt dieser Gedanke aufgrund eines Buches, das ich grad lese: Jared Diamond: Kollaps. Warum Gesellschaften überleben oder untergehen.
    Sobald ichs durch hab, werd ich eine Rezension auf meinem Blog online setzen.
    Jedenfalls fürchte ich aber, daß die Menschheit egal wie es wird, nicht ohne Krieg auskommen wird. Denn schon Gandhi stellte fest, daß die Geschichte lediglich lehrt, daß die Menschen aus ihr nix lernen.

    Yoho, Pirat

  9. Immanuel sagt:

    Hallo Pirat! Wenn wir nur die Geschichte als Lehrerin hätten, könnte ich nur noch einen Rat geben: Aufhören, Kinder zu bekommen! Und hoffen, dass wir friedlich ausgestorben sind, bevor der nächste Weltkrieg kommt.

    Die Frage, ob die Grauensspirale sich für immer weiter drehen wird, wird zur Frage, ob es in dieser Welt überhaupt den Funken eines Sinns gibt. An dieser Stelle ruht meine Hoffnung auf der Erzählung der jüdischen Überlieferung: Es könnte noch sein, dass etwas passiert, das man das „Kommen des Messias“ nennen könnte (ob nun zum 1. oder 2. Mal ist dabei nicht das Entscheidende). Denn dann könnte die Entwicklung vom Paradies weg umgekehrt werden, und noch etwas Schöneres als das Paradies entstehen (wenn die Vielfalt zur Einheit wird, ist es noch viel schöner, als wenn von Anfang an nur Einheit da gewesen wäre). In diesem Sinne hoffe ich darauf, dass jeder einzelne Mensch sein Potential zum Guten nutzt und an sich und seiner Umwelt arbeitet, damit dieses Ereignis eintritt.

  10. Paramantus sagt:

    Das Problem ist ja, dass Sarrazin nur die Menschen bedient, die bereits eine ähnliche vorgefestigte Meinung haben. Er will niemanden von irgendetwas überzeugen, sondern weitere Nahrung für bereits vorhandene Vorurteile liefern. Und das ist das gefährliche daran. Niemand, der ein bißchen Verstand sein Eigen nennen kann, sollte Sarrazin ernst nehmen können. Es ist nun mal völlig Fehl am Platz die „Fremdartigen“ für unsere Probleme verantwortlich zu machen. Auch wenn es so leicht ist.

    Wenn man sich in manchen Foren und Blogs mal umliest, dann ist es schon erstaunlich, wie die Anhänger Sarrazins dessen verwendeten Statistiken als „Beweis“ für die ganzen aufgestellten Thesen aufgenommen werden. Während auf der anderen Seite Statistiken, die Gegenteiliges belegen sollen, als unwahr und gefälscht hingestellt werden. An so einer Denkweise erkennt man ja schon welche Klientel Sarrazin mit seinen Aussagen bedient. Und sowas ist auch noch in der SPD…

    PS: Es heißt „Paramantus“ und nicht „Paramentus“… 😛

  11. Immanuel sagt:

    Hallo Paramantus! Ich habe meinen Rechtschreibfehler korrigiert, war wohl schon etwas spät ;-).

    Ich denke, man sollte Sarrazins Resonanz nicht unterschätzen. Dabei ist aber wichtig, zwischen emotionaler und intellektueller Resonanz zu unterscheiden: Emotional spricht er glaube ich einen Großteil der Bevölkerung an (einschließlich mir), auch solche, die unter den Integrationsproblemen leiden, ohne den Migranten die Schuld dafür zu geben. Auf intellektueller Ebene spricht er natürlich vor allem diejenigen an, die vorher auch schon so gedacht haben.

    Aber genau diese Schizophrenie zwischen Emotionalität und Intellektualität in der Migrationsdebatte hat sich meines Erachtens in der deutschen Identität eingenistet, und Sarrazin versteht es, genau diese Resonanzschwingung zu treffen. Deswegen sollte man ihn meines Erachtens schon ernst nehmen, um die Gefahren, die er heraufbeschwört (die auch ohne ihn da sind!), abwenden zu können.

  12. normanno sagt:

    Mit Interesse las ich den Artikel und die Kommentare…
    Was über die DDR gesagt wird, habe ich zutreffender noch nie gelesen… einfach in sich zusammengefallen… das trifft den Nagel auf den Kopf! Und auch die Aussagen, dass das Blutvergießen ganz einfach durch „Befehlsverweigerung“ nicht stattfand – die Panzer waren ausgerückt…
    So nun bin ich Neu-Wessi…. und, wie passend, ist ein Sarrazin ein „Geldverwalter“ bei der Deutschen Bank… also ein Verwalter MEINES Geldes im Interesse der Wirtschaft!!! – Soweit, so Gut!
    Sage mir mal Einer, wann die Wirtschaft mit ihren Einnahmen dazu verpflichtet wurde in ihre zukünftigen Arbeitnehmer, also in Schule und Schüler, prozentual mit steigendem Gewinn zu investieren????
    Abgehauene Intelligenz aus den Ostblock-Ländern (Ärzte, Wissenschaftler, Architekten usw., usf.) wurden mit „Kusshand“ begrüßt, sparten sie doch wesentliche Ausbildungskosten (man informiere sich mal über Schul- und Studienkosten…) – auch die marode Infrastruktur kam doch völlig Recht, ein scheinbares Wachsen und Gedeihen der Wirtschaft vorzugaukeln (man besinne sich auf den realen Wirtschaftszustand der BRD vor dem Beitritt der Ex-DDR Prozentual in Bevölkerungs- und Arbeitslosenzahlen)… nach 20 Jahren ist die Arbeit getan, die Vorräte verbraucht – die Arbeitslosenzahlen wachsen… nun muss gleichzeitig ein Sündenbock und ein Heiland her, der den Finger in die „Wunde“ legt… um Himmels Willen, nicht in die Defizite der Wirtschaft – die will ja nach, wie vor einen jung-dynamischen Schulabsolventen, der bereits das Wissen und die Erfahrung eines möglichst 60 jährigen Universitäts-Absolventen mit sich herumträgt…
    Mir schnippten schon die Fingernägel himmelwärts, als ein Edmund Stoiber ebensolche (man könnte lustig sagen, wenn er es nicht so ernst gemeint hätte) Texas-Thesen von sich gegeben hätte… da muss der Einwanderer einen Deutsch-Test machen – der Analphabet in der deutschen Schulklasse wird nicht einmal bemerkt, geschweige denn gefördert…
    Förderungsbedürftige Kinder werden jetzt in normalen, leistungsorientierten Schulklassen beschult – das Ganze nennt sich dann INTEGRATION – hä????
    Wie DAS denn, wenn der Förderbedarf gar nicht mehr berücksichtigt wird???
    Das war schon der Status vor der Wende – engagierte Lehrer haben Zusatz-Ausbildungen hinter sich, nur um doch noch was aus diesen Kindern zu machen… der ungeschulte Lehrer braucht eine Menge Berufserfahrung, um solche Defizite überhaupt zu bemerken!!!
    Ja – nun – vorwärts Leute, die Welt ist rund… wir greifen von hinten an!!!
    Ich erinnere an Gerhard Schröder, der Inder „importieren“ wollte, um die Computer-Branche anzukurbeln (was ist seitdem passiert – die Ausbildung auf diesem Gebiet in den Schulen, um die Wettbewerbsfähigkeit mit den Absolventen zu stärken, war es jedenfalls nicht!!!)

    Da will tatsächlich ein von und zu Guttenberg die Wehrpflicht aufweichen und abschaffen – diese Aufschreie in der Politik und Wirtschaft (ja – einträgliches Geschäft das Militär… IG Farben, Krupp usw. spielten bei Adolf auch eine wichtige Rolle, nicht)… statt anzuregen, dass diese Gelder endlich in die Bildung investiert werden, um so diesen „unsäglichen Ghetto-Kids“ (nicht meine Denkweise, möchte ich betonen) eine angemessene Förderung und Bildung zu garantieren, wird lieber auf deren Eltern herumgehackt – was haben die auch Harz IV und die „Hacken voller Göhren“ – können ja nix Anderes!!! Nein – sie kriegen nix Anderes, so sieht es aus! Sogar gegen die, die wirklich nicht wollen, kann man nichts ausrichten – was können aber deren Kinder dafür???
    Und – was findet aktuell in der Politik statt??? Die Forderung nach der Zuwanderung von Intelligenz aus dem Ausland!!! Siehe: Einsparung von Ausbildungskosten – und nix Anderes!!! Alles, wie gehabt!!! Wer arm ist, soll dies gefälligst auch bleiben – wir werden uns doch nicht selbst das geliebte Feindbild vom stinkfaulen, asozialen Harz IV-ler abschaffen – wo kämen wir denn da hin??? Wir helfen lieber den Banken, die das Geld der arbeitswilligen Restbevölkerung gegen die Wand knallen, wieder auf die Beine… selbst Schuld, wenn die so blöd sind und arbeiten und was damit anfangen wollten… also auch die wieder nicht intelligent genug…
    Letztendlich: worüber hätte Sarrazin denn sonst schreiben sollen, ausser, dass er seinen „Stuhl“ als Geldverwalter wackeln sieht, wenn die Masse nicht endlich mit nix an Ausbildung und sinkender Vergütung, nicht doch den Reichtum der Banken nähren geht…
    Eine Frage hätte ich schon an Sarrazin: für was braucht der Arbeitnehmer Banken, die nur Geld verwalten, dass ihnen überhaupt nicht gehört, wofür dort auch nicht Einer auch nur einen Finger selbst krumm zu machen braucht… welche Leistung erbringt explizit ein Sarrazin, dass ich mich für sein Vorhandensein in der Welt (nicht: ARBEITSwelt) überhaupt zu bedanken hätte – Asozialität entsteht ganz Woanders und wird auch dort inbrünstig gelebt… der Pöbel ist eh zu blöd, was Gescheites mit seinem Geld anzufangen – da kann er dann noch sein übrig gebliebenes Geld investieren und den hahnebüchenen, menschenverachtenden Mist eines Sarrazins kaufen und lesen (wenn er nicht zu blöd auch dafür ist…)!!!

  13. Immanuel sagt:

    Hallo normanno! Danke für den unverstellten Einblick in deine Innenwelt. Ich kann dir sagen, dass du mit vielem, was du fühlst, nicht alleine bist. Und ich finde es in jedem Fall besser, wenn diese Dinge offen ausgesprochen werden, als wenn sie wie in einem Vulkan vor sich hinbrodeln, bis die große Eruption kommt.

    Um an diesen Dingen etwas zu ändern, müssen wir meines Erachtens zwei Dinge schaffen:

    1. Eine sachliche Sprache finden, die Probleme so präzise wie möglich zu formulieren, ohne wieder einen Klassenkampf herauf zu beschwören und anderen Menschen die Würde abzusprechen. Denn wir Menschen brauchen uns gegenseitig in unserer Unterschiedlichkeit. Wenn alle Menschen Unternehmer oder alle Arbeiter wären, wie sollte das funktionieren? Wenn es die Banken nicht gegeben hätte, wie hätte unser jetziger Wohlstand entstehen können?
    2. Es gilt einen Weg zu finden, wie in der Medienwelt auch nicht-polemische und nicht-populistische Inhalte transportiert werden können. Ich glaube, wenn alle merken würden, dass es wieder um die Sache an sich geht, für das Wohl aller Menschen, könnte das möglich werden.

    Ich würde mich freuen, wenn du mir hilfst, diese zwei Ziele zu realisieren.

  14. Paramantus sagt:

    Eine sachliche Sprache zu finden wird nicht möglich sein, fürchte ich. Nicht so lange Mediengrößen wie „Bild“ Klischees und Vorurteile bedient und erst recht nicht so lange andere, vermeintlich seriöse Medien nicht kontern… 🙁

  15. Immanuel sagt:

    Die Medien sind auch nur demokratisch (über Angebot und Nachfrage) gewählte Gremien. Wenn die Leser merken, dass es mehr gibt als das, was man ihnen bisher vorgesetzt hat, dann werden sie ihre Wahl ändern und damit die Medien zu einer Änderung ihrer Taktik zwingen können.

    Die Sprache ist aber erstmal unabhängig von den Medien. Wenn wir nicht mal mehr davon träumen können, wie unsere Welt besser aussehen könnte, dann können wir auch nicht darüber nachdenken und darüber reden. Deshalb muss erstmal eine Vision einer realistischen (und damit nicht-revolutionären) Alternative entworfen werden. Und meines Erachtens gibt es verschiedene Kleinigkeiten, die geändert werden könnten, und einen sehr großen Effekt hätten.

  16. normanno sagt:

    Also „motzen“ wollte ich nicht (ist hoffentlich auch nicht so angekommen) – aber dass die Wirtschaft auch Verantwortung für den Nachwuchs trägt ist eine Forderung, die den Unternehmern eigentlich hätte selbst kommen müssen. Wenn die Wirtschaft einzig auf Profit ausgerichtet ist, bekommen „Thesenreiter“, wie Herr Sarrazin zukünftig noch mehr Probleme… kostengünstige Schwarz-Afrikaner zum Null-Tarif mit einer ebensolchen Ausbildung… nehmen dem weiter zunehmend „arbeitsscheuen, verdummten, faulen“ Rest-Deutschen die nicht mehr vorhandene Arbeit weg! Der Fehler liegt im System!!! Es lagern ja nicht Alle ihre Produktion nach dort hin aus… (was auch mit ein Grund ist, dass die Arbeit im eigenen Land immer mehr verknappt) – nein aber den Konsum muss man sich auch leisten und erwirtschaften können…
    Sicher gibt es Arbeiter und Unternehmer – was dabei herumkommt, wenn Allen Alles gehört (und der Regierung das Meiste), weiß ich ja nun aus eigenem Erleben!!! (Das möchte ich auch keinesfalls wiederhaben – nur, dass das deutlich gesagt wurde.)
    Nur, wenn der „Intelligenzler“ die Bodenhaftung verliert, zu Höhenflügen ansetzt und über Probleme polemisiert, deren Hintergründe er nicht einmal annähernd erlebt, geschweige denn, durchschaut – das ist Extremismus (in welche Richtung der Herr S. tendiert, ist mir nicht ganz schlüssig – ihm aber sicher auch nicht, vielleicht währe es ein guter Anfang sich mal wieder den Begriff SPD ausgesprochen vor Augen zu führen…).
    Sogar einem Sarrazin sollte es geläufig sein, dass es Weltweit nur ein einziges Kapital gibt (das von Millionen erwirtschaftet wird), dass sich allerdings immer mehr auf immer weniger Köpfe verteilt… bei denen, die es erwirtschaften kommt es nicht an, weil die, die es verwalten damit spekulieren, es in den Sand setzen – letztendlich aber ohne in die Pflicht genommen zu werden, auch noch davon kommen… und über neuen Unfug nachdenken können…
    Als die damalige Bundesrepublik Gastarbeiter gewollt und gebraucht hat, sollte auch ein Herr Sarrazin schon im urteilsfähigen Alter gewesen sein. Warum hat er sich nicht als junger Student (oder was auch immer) Gedanken über seine damalige Regierung und Sinn und Unsinn solchen Tuns gemacht?
    Sicherlich muss man nicht Tolerant gegenüber Allem und Jedem sein, aber doch wenigstens gepflegt den Mund verschließen, wenn Lösungsansätze auch in den Sternen stehen… wenn mir nach „aufregen“ ist, lese ich einfach Eva Herrmann – die sollte aber eigentlich nicht, wie es wirklich den äußeren Anschein macht, sich auf einer Stufe mit Herrn Sarrazin wiederfinden. Ich kann den Unterschied nicht erkennen.
    Gott – diese Beiden als unsere Regierungsoberhäupter – wir könnten uns warm anziehen! Da ist ja ein Westerwelle mit seinen Vize-verbal-Ausrutschern dann doch noch an ganz nettes Kerlchen – oder??? Nein – mir gefällt es ganz und gar nicht mehr, was der selbsternannten (oder vom Volk gewählten) Obrigkeit so an Dumm- und Frechheiten aus dem (un)gepflegten Mund purzelt…
    Das nenne ich echt Dekadent!!!
    Sozialismus ohne Kapital war echt nix (das ist meine Überzeugung) – aber Kapital ohne soziale Kompetenzen – das ist ebenso nix!!!

    Außer: Wenn dem Esel zu wohl wird, geht er auf’s Glatteis!

  17. gabalis sagt:

    Ich fand es interessant, dass in der Shell Jugendstudie davon die Rede war, dass die heutigen Jugendlichen „trotz unsicherer Aussichten auf dem Arbeitsmarkt“ (oder so ähnlich) mit größerer Zuversicht in die Zukunft schauen. Zur gleichen Zeit war die Anwerbung von ausländischen Fachkräften im Gespräch – irgendwie passt das für mich nicht zusammen. Wenn man noch fast 3 Millionen Arbeitslose hat, darunter nicht wenige Akademiker, macht man die Aussichten auf dem Arbeitsmarkt doch nicht sicherer, wenn man ausländische Kräfte ins Land holt – zumal die Bevölkerung soweise schrumpft! Und dann schauen die deutschen Jugendlichen, einschließlich jener aus Migrationshintergrund, wohl etwas weniger zuversichtlich in die Zukunft, sondern eher in die Röhre. Und dann geht’s richtig hoch her!
    Und da sind wir wieder bei Herrn Sarrazin, der beide Aspekte angesprochen hat: Integration und Bildung. Wer sich einfach in seiner Parallelweltsnische einrichtet, tut weder das eine noch das andere. Es muss m.E. viel mehr als bisher für einen Zusammenhalt der Gesellschaft gesorgt werden, sonst haben wir nur lauter Parallelwelten. Es ist viel zu lange zugesehen worden, wie die Gesellschaft in Deutschland sich fragmentiert, teils aus falsch verstandenem Multi-Kulti (bin übrigens selber Ausländer), teils in der Hoffnung, das Problem erledige sich von selbst, teils aus der Ansicht heraus, jeder solle nach seiner Fasson selig werden. Es ist Sarrazins Verdienst, das Thema so provokant aufgeworfen zu haben, auch wenn sein Talent dafür, sich missverständlich auszudrücken, ihm viele Feinde macht. Ich freue mich über jede(n), aus welchem Hintergrund auch immer, die/der die Chancen nutzt, die ihr/ihm hier geboten werden und dann eine nützliche Rolle in der Gesellschaft spielt. Dafür sollte man, denke ich, mehr Werbung machen, um die Bewohner der Parallelweltsnischen hervorzulocken und ihr Potenzial zu fördern und zu nutzen. Dann haben alle etwas davon.

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