Debattierleitfaden

Ich habe gestern das erste Mal den SPIEGEL gekauft, weil mir ein ein bekanntes Gesicht freundlich entgegenblickte. Der Titel der Ausgabe vom 06.09.10 lautet „Volksheld Sarrazin – Warum so viele Deutsche einem Provokateur verfallen“.

Ein Buch, das Deutschland meiner Meinung nach heute dringender denn je bräuchte: Wie führe ich eine Debatte? Wenn jemand etwas Vergleichbares kennt, bitte ich um sachdienliche Hinweise. Denn sonst ist der Satz „Deutschland debattiert“ gleichbedeutend mit „Deutschland schafft sich ab“. Hier also ein kleiner, unzureichender Leitfaden von meiner Seite:

1. Konzentriere dich auf die stärksten Argumente deines Gegners, nicht die schwächsten!

Wir nehmen an, dass die Schlagkräftigkeit der Argumente eines Debattierers entsprechend einer Gauß’schen Normalverteilung variiert. Das bedeutet, dass die große Mehrzahl der Argumente durchschnittlich schlagkräftig sind, eine geringe Anzahl an ausgesprochen schlechten Argumenten dabei ist, aber sich auch eine geringe Anzahl an sehr guten Argumenten findet. Der Einfachheit halber nehme ich hier an, dass 80% durchschnittlich sind, sowie je 10% sehr gut bzw. sehr schlecht sind.

Man könnte also 90% der gegnerischen Argumente widerlegen, ohne sich die besten Argumente überhaupt anzuschauen. Das mag in der Medienwelt sehr effektvoll erscheinen, in der Sache an sich sind aber die 10% besten Argumente entscheidend. Wer also eine faire Debatte führen möchte, sollte erst mal die 10% besten Argumente identifizieren und sich an diesen abarbeiten. Das ist effektiver als 90% zu widerlegen und doch zu verlieren.

2. Mache nicht die Fehler, die du deinem Gegner vorwirfst (es sei denn, du wendest sie satirisch an)!

Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen. Wer nicht möchte, dass Menschen in ihrer Ehre dadurch gekränkt werden, dass sie als „Kopftuchmädchen“ bezeichnet werden, der sollte auch selbst nicht Menschen in ihrer Ehre dadurch kränken, dass er sie als „Provokateure“ bezeichnet. Das mag für eine Schlagzeilen-orientierte Medienwelt schwer zu bewerkstelligen sein, ist aber für jede ernsthafte Debatte unerlässlich. Sich gegenseitig einfach nur als „menschenverachtend“ zu bezeichnen, wird niemandem inhaltlich weiterhelfen.

Satirisch gesehen kann man natürlich (sofern es als Satire ersichtlich ist), einen gegnerischen Fehler überspitzen und ihn damit entlarven. Ich habe mir zum Beispiel überlegt, dass ich Herrn Friedman ab sofort immer als „Gutmensch Friedman“ bezeichnen könnte, so wie Herr Sarrazin als „Provokateur Sarrazin“ bezeichnet wird. Es wäre mindestens genauso berechtigt. Aufgrund der hohen Emotionalität und Unbewusstheit der Debatte nehme ich aber von dieser Möglichkeit Abstand, weil ich selbst auf den Satireblog, auf dem Herr Sarrazin als rechtsradikaler Hetzer verunglimpft wird, hereingefallen bin. Und eine Satire, die nicht von allen als Satire erkennbar ist, wird zumindest teilweise zur Realität, und das möchte ich vermeiden.

3. Sage nur das Nötigste, um Unschärfe zu vermeiden und die Debatte nicht zu zerreden!

Wenn ich einen Debattierer aufgrund seiner Argumente widerlegen kann, warum muss ich ihn z.B. in seiner Integrität und Menschenwürde angreifen? Das würde nur von meiner guten Argumentation ablenken. Es ist sogar so, dass wenn jemand die Person angreifen muss, er offensichtlich argumentativ schwach auf der Brust ist und diese Schwäche selbst zur Schau stellt. Dann doch lieber: Einfach mal die Klappe halten.

Anwendung

Nach den drei genannten Prinzipien möchte ich gerne den Leitartikel des besagten von mir erstandenen SPIEGELs untersuchen (S. 22-30). Geschrieben wurde dieser von nicht weniger als 16 Journalisten: Kim Bode, Jörg Blech, Katrin Elger, Markus Feldenkirchen, Jan Fleichhauer, Christoph Hickmann, Guido Kleinhubbert, Dirk Kurbjuweit, Peter Müller, Christoph Pauly, René Pfister, Michael Sauga, Christoph Schwennicke, Holger Stark, Peter Wensierski und Antje Windmann. Der Titel: „Es gibt viele Sarrazins“.

Zu 1.: Das schwächste Argument, dass man bei Sarrazin angreifen kann, ist das „Juden-Gen“. Es ist nämlich überhaupt kein Argument für irgendetwas, und hat auch nichts mit dem roten Buch zu tun. Ich zitiere den vorletzten Absatz auf Seite 30 des SPIEGEL-Artikels:

Seinen „größten Fehler“, wie er es nennt, habe er gemacht, weil er nicht im richtigen Moment nein gesagt hat: das Interview mit der „Welt am Sonntag“, in dem sich auch der Satz über das „Gen der Juden“ findet. „Jeder Mensch hat eine Leistungsgrenze“, sagt Sarrazin, „und an die war ich gelangt, als ich das Interview dann auf Stellen gegengelesen habe, die schwierig werden könnten. Ich habe die Brisanz dieses Satzes, der mir zum Verhängnis wurde, nicht erkannt.“ Aber er hatte ihn gesagt.

Herr Sarrazin entschuldigt sich, weil er eine wissenschaftliche Arbeit über genetische Korrelationen bei Juden zitiert hat. Wird seine Entschuldigung angenommen? Nein! Statt dessen wird siegessicher „Aber er hatte ihn gesagt“ angefügt, kurz vor Ende des Artikels. Man meint, Herrn Sarrazin durch ein Argument, dass er nicht mal anführt oder verteidigt, zu Fall bringen zu können. Das beweist nicht die Dummheit Sarrazins, sondern die seiner Gegner.

Das ganze Gerede über den Sarrazin’schen Biologismus ist eine einzige gewaltige Blendgranate. Würde Herr Sarrazin meinen, irgendjemand in diesem Land wäre aus genetischen Gründen so dumm, dass Hopfen und Malz verloren wären, würde er diesen Menschen den Zugang zur Bildung beschneiden wollen, um Geld zu sparen (Finanzsenator!). Aber Herr Sarrazin betont an allen Ecken und Enden, dass er maximale Bildung und Förderung für alle möchte. Er sagt lediglich, dass deswegen am Schluss nicht alle den gleichen IQ haben werden.

Jetzt aber mal zu den 10% stärksten Argumenten. Herr Sarrazin schreibt auf Seite 62 seines Buches:

Die türkischstämmige Bevölkerung stellt unter den Absolventen des deutschen Bildungssystems die höchste Quote ohne Bildungsabschluss (30 Prozent) und die niedrigste mit Hochschulberechtigung (14 Prozent) und lässt darüber hinaus die geringsten Fortschritte bei den hier geborenen Generationen erkennen.

Zum Vergleich erreichen bei Migranten aus dem Fernen Osten in der zweiten Generation bis zu 63 Prozent die Hochschulreife, bei Einheimischen sind es nur 38 Prozent. Wie aber können die Unterschiede zwischen Migranten aus dem Fernen Osten und türkischstämmigen Migranten durch die deutsche Bildungsungerechtigkeit erklärt werden, wie es Intelligenzforscherin Elsbeth Stern tut? Diese Frage ist zu beantworten, unabhängig davon, wie Herr Sarrazin sie beantwortet. Ich habe bisher noch von niemandem gehört, der sich ernsthaft an dieser Frage abgemüht hat.

Zu 2.: Herrn Sarrazin wird Menschenfeindlichkeit vorgeworfen. Ein Stück weit ist dieser Vorwurf berechtigt, weil er meint, aus statistischen Daten heraus auf die Motivation von Menschen schließen zu können (siehe Seite 150 seines Buches):

Insbesondere unter den Arabern in Deutschland ist die Neigung weit verbreitet, Kinder zu zeugen, um mehr Sozialtransfers zu bekommen, und die in der Familie oft eingesperrten Frauen haben im Grunde ja kaum etwas anderes zu tun.

Was schreibt der SPIEGEL über Herr Sarrazin (Hervorhebungen durch den Schreiber dieser Zeilen):

Das sich unverstanden fühlende Deutschland, das nun gegen die Elite aufbegehrt, hat sich zu seinem Helden einen Mann erkoren, der so elitär denkt und fühlt wie kaum einer im politischen Milieu und der die Überlegenheit, die er gegenüber weniger gescheiten Menschen empfindet, schnell durchscheinen lässt. Viele Leute täuschen sich über seinen Hochmut, weil dieser durch die Ticks des Eigenbrötlers gemildert wird.

Was die meisten für eine schrullige Pose halten – das hochgereckte Kinn, die vor der Brust verschränkten Arme -, offenbart tatsächlich eine Weltsicht, in der von hoch oben das Gewühl und Gewimmel am Fuß des Berges in den Blick genommen wird.

Es geht noch weiter damit, dass „am Grund von Sarrazins Denken … das Ressentiment“ liegt. Aber das will ich meinen Lesern nicht weiter antun. Die Schreiber dieses SPIEGEL-Artikels haben jedenfalls den Fehler, den sie Sarrazin vorwerfen, in Perfektion selbst angewendet: Sie stellen durch Spekulation die Motivation und Integrität eines Menschen in Frage. Wäre schön, wenn es Satire wäre, ist es aber nicht.

Zu 3.: Auf Seite 26 des SPIEGEL-Artikels steht:

Dennoch ist das Werk, das mit seiner Flut an Zahlen, Tabellen und Statistiken so seriös daherkommt, in vielen Fällen höchst angreifbar. Es enthält Fehlschlüsse und irrige Annahmen, unbewiesene Behauptungen und Scheinzusammenhänge.

So beziffert Sarrazin die Einwohnerzahl in Deutschland im Jahr 2100 mit 20 Millionen. Bevölkerungswissenschaftler gehen für das Jahr 2100 dagegen von 46 Millionen aus.

Frei nach dem Motto: Dummer Laie gegen unfehlbare Wissenschaftler? Handelt es sich bei einer Spanne von 90 Jahren um eine Prognose oder eine Modellrechnung? Ist das eine bewiesene Behauptung? Man muss kein Wissenschaftler sein, um zu sehen, dass man über 90 Jahre hinweg keine sinnvolle Prognose vornehmen kann. Herr Sarrazins Zahl ist genauso spekulativ wie die der angeführten Bevölkerungswissenschaftlicher. Entweder sind die 16 Autoren des SPIEGEL-Artikels selbst einem Fehlschluss bzw. einer irrigen Annahme aufgesessen (Wissenschaftler haben immer Recht), oder es handelt sich um bösartige Manipulation (wovon ich nicht ausgehe).

Solche unnötigen groben Schnitzer erschweren den Blick auf manch gute Gedanken zum Phänomen Sarrazin. Weniger ist eben manchmal doch mehr.

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3 Kommentare zu Debattierleitfaden

  1. almabu sagt:

    Glückwunsch zur sehr guten Analyse des Print-Spiegel-Artikels und gleichzeitig mein Beileid sich „das antun zu müssen“;-))

    Ich sehe die ganze Sarrazin-Debatte als Kampf um die „Meinungshoheit“ zwischen unserer „politisch korrekten“ (in ihrem Sinne) politischen Klasse und einigen Medien. Die geschlossene, beinahe rituelle Ablehnung wegen einiger „Schlüsselworte spricht hier Bände. Das Versagen von mindestens zwei, wenn nicht drei Politiker-Gnerationen beim Thema Migration wird dagegen nahezu vollständig ausgeblendet, zumindest bis zur Unkenntlichkeit relativiert.
    Sarrazin hat der Politik, aber auch seinen Kollegen bei der Bundesbank, einen Spiegel vorgehalten, in dem diese alle nicht sehr gut aussehen…
    Jetzt bringen Gabriel und Nahles mit dem angestrebten Partei-Ausschluß Sarrazins noch nachdrücklich die SPD unter zwanzig Prozent und der maximale Schaden ist erreicht durch Dilletantismus in Reinqualität.

  2. Babette sagt:

    Hi Immanuel!

    Ein nicht ganz sachlicher aber zumindest unterhaltsamer Kommentar ist ueber die online ausgabe des einschlaegigen journals verfuegbar:

    http://www.spiegel.de/spam/0,1518,717116,00.html

    lg und bis bald

  3. Immanuel sagt:

    Hallo Babette!

    😀 Danke für den lustigen Link. Man sollte das Schmunzeln bei all den Horrorvisionen von der Zukunft nicht vergessen ;-). Das hat gut getan …

    Lieben Gruß, Immanuel

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