Die Gegenthesen

Anstatt über Herrn Sarrazins Beweggründe zu spekulieren und zu versuchen, das von ihm aufgescheuchte Gespenst zu erschrecken, möchte ich den von ihm öffentlichkeitswirksam an die Deutschen zugespielten Ball aufnehmen, und Gegenthesen aufstellen:

  1. Das Integrationsproblem ist primär nicht, wie sich Migranten in Deutschland integrieren, sondern wie die deutsch-stämmigen Mitbürger sich untereinander integrieren (einen Dialog führen, über ihre Identität).
  2. Die Gefahr einer Unterwanderung durch eine fremde Kultur liegt hauptsächlich
    a) an der kaum greifbaren und formulierbaren nationalen Identität der Deutschen und
    b) in der zersplitterten kulturellen Identität des christlich-aufgeklärten Abendlandes, in dem man sich streitet, ob man die Formulierung der Menschenrechte nun dem Christentum oder der Aufklärung zu verdanken hat.
  3. Viele Nationen haben ein heroisches Geschichtsverständnis, das die nationale Identität stärkt, indem zum Beispiel eine Art von Gründungsmythos in der Geschichtsschreibung aufrecht erhalten wird. Vielleicht markantester Teil der deutschen Identität nach 1945 ist die Schamhaftigkeit des Geschichtsverständnisses, die, wenn unterschwellig nagend, die deutsche Identität weiter zersetzt. Ziel ist nicht, die Schamhaftigkeit zu beseitigen (das wäre die Beseitigung unserer Identität), sondern sie als positiven Teil unserer Identität zu sehen, und sie durch Abgrenzung gegenüber heroischen Identitätsformen gegen Zersetzung zu schützen und für die Zukunft zu bewahren, da Schamhaftigkeit in der Geschichtsschreibung für eine friedliche Welt große Bedeutung hat.
  4. Wenn es den Deutschen nicht gelingt, zwei gegensätzliche Bücher wie Der ewige Antisemit (Henryk M. Broder) und Antisemitismus als politische Waffe (Norman G. Finkelstein), die die deutsche Identität extrem herausfordern, zu integrieren und eine selbstverständliche Haltung dazu zu bekommen, hat Hitler, mit Avraham Burgs Worten, gesiegt.
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16 Kommentare zu Die Gegenthesen

  1. Janchen sagt:

    Hallo,

    ich finde Ihre Seite sehr lesenswert – da auf differenzierte Sichtweise Wert gelegt wird!

    Und wie wäre es denn mal mit dem Buch der Kirsten Heisig … „Das Ende der Geduld“ … – dass die manche These des Herrn Sarrazin durchaus stützt ?

    Allerdings kann man beide nicht wirklich mit einander vergleichen. Heisig ist voller Emphatie sowohl für Migranten als auch für das eigene Volk – das läßt bei Sarrazin absolut zu wünschen übrig.

    Herzliche Grüße
    Janchen

  2. Immanuel sagt:

    Hallo Janchen, der Tod von Kirsten Heisig hat mich sehr getroffen und war ein wesentlicher Auslöser für mich, diesen Blog zu eröffnen.

    Sie unterschied sich grundlegend von Sarrazin dadurch, dass sie die Probleme ansprach, ohne einfach die Migranten dafür verantwortlich zu machen. Ihr ging es um eine Verbesserung der Lebenssituation von Migranten, nicht darum, sie auszuweisen.

  3. Mirko sagt:

    1. und 2. sehe ich eigentlich nicht als großes Problem.

    Zu 1.: Ich finde, es ist ein großer Vorteil von Deutschland, dass hier viele verschiedenen Lebensstile möglich sind. Etwas mehr Verständnis oder zumindest Toleranz wäre in Teilen sicher wünschenswert, ist aber vermutlich kaum möglich, solange Menschen Menschen sind…

    Zu 2.: Formuliert haben die Menschenrechte beide, und auch das Christentum hat vieles schon von älteren Kulturen übernommen. Ethik ist wie Wissen(schaft) ein sich entwickelnder Prozess. Leider haben auch beide oft genug gegen ihre eigenen Gebote verstoßen. Wichtiger wäre, dass sich v.a. die eher religiöse Seite (aber auch mancher „atheistische Aufklärer“) auf zeitgemäße Werte einigt. Was sind das denn für Teile des Christentums, in dem einvernehmliche Homosexualität verteufelt wird und der Missbrauch von kleinen Jungs vertuscht wird? In dem statt Nächstenliebe Intoleranz gepredigt wird? In dem Frauen noch auf Küche und Kinderkriegen reduziert werden? Paradoxerweise sind es oft diese radikalen, ewiggestrigen Teile des Christentums, die den Moslems genau das vorwerfen…

    Der dritten und vierte Punkt gehören meiner Meinung nach zusammen. Aus der „Schamhaftigkeit“ hat sich eine Kultur mit durchaus positiven Elementen entwickelt: Hinterfragen von „Führern“, der Sozialstaat, der Versuch von Offenheit und Toleranz (zumindest solange niemand geschädigt wird) und vieles mehr. Leider blieb die Schamhaftigkeit aber hängen, und so fehlt oft das Selbstbewusstsein zu dieser Kultur. So zucken die Anhänger der Kultur oft unterwürfig zusammen, sobald mal wieder jemand die Moralkeule schwingt („die armen , wie könnt Ihr ihnen nicht helfen?!“), und auf der anderen Seite stehen die, die diese „Weichheit“ gleich mitsamt aller positiven Konnotationen verurteilen – nicht nur Neonazis, sondern auch religiöse, linke und andere Extremisten. Denn nur die harten Egoisten klauen sich ohne Gewissensbisse alle Gärten.

  4. Matthias sagt:

    Schwieriges Thema.
    Eine der Schwierigkeiten sich gerade so einem Themenbereich wie er in dem Zusammenhang mit Herrn Sarazin hochkocht ist in meinen Augen in der Wahrnehmungspsychologie begründet. Der Mensch neigt dazu zu Verallgemeinern. Sprich von wenigen gemeinsamen Merkmalen auf das Allgemeine zu schließen. Ich denke es wird von wenigen Einzelfällen persönlichen Erlebens, aber auch anerzogener Grundannahmen auf Generelles verallgemeinert was identische oder ähnliche Teilelemente besitzt. Für mich ist das zuweilen auch schwer zu differenzieren. Ich ertappe mich hin und wieder dabei wie ich von durch meine persönliche Wahrnehmung geprägte Erlebnisse, auf allgemeine Sachverhalte projeziere.

    Bezüglich der Identität der Deutschen muss ich sagen, dass oftmals ein gestörtes Verhältnis zur eigenen Identität vorliegt. Dies mag durchaus mit einer permanent gepredigten „political correctness“ zusammenhängen.
    Nehmen wir einmal an ich sehe jeden Tag vor meiner Haustüre in z.B. Berlin Neukölln etwas in Verbindung mit Personen aus einem anderen Kulturkreis, was ich als nicht ok empfinde, so muss es möglich sein in diesem konkreten Einzelfall auch auszusprechen dass man einen bestimmten Sachverhalt als nicht in Ordnung empfindet, ohne dass man von seinen Mitmenschen gleich in eine Kategorie / Schublade eingeordnet wird.
    Ich denke dass auch genau dieses „handling“ der Sachverhalte manche Menschen in eine extreme Richtung treibt in die sie nicht gehören.

    Verbinde ich den Einzelfall in Bezug auf eine Person mit der ihr vermeintlich übergeordneten Gruppierung mit der Komplexitätstheorie, so stoße ich allein bei der Einzelperson auf ein komplexes Gefüge dessen Analyse sich dem Fassungsvermögen meines Verstandes enzieht.

    Die Gefahr die ich sehe ist nicht, dass Herr Sarazin die Wurzel allen Übels ist, sondern eher ein Symptom. Ich möchte ihn gerne als eine Art Meta-Person verstehen, die einen Aspekt wiederspiegelt was manche Menschen in diesem Land empfinden oder denken. Ihn jetzt nach gängiger Praxis mundtot zu machen, löst die Probleme nicht sondern schiebt sie nur auf. Stattdesen ist es des bessere Weg, durch einen sachlichen Umgang in diesem komplexen Wirrwar von konkreten Einzelfällen und Mechanismen in abgrenzbaren Systemen verträgliche Lösungen zu finden.
    Bei allen Reaktionen auf die Äußerungen von Herrn Sarazin ist grundsätzlich Gefühl im Spiel. Gefühle sind leider „überabzählbar“ und mit 0 und 1 nicht zu bemessen.

    Ein weiteres Problem sehe ich in dem durch die Medien, die Politik und „Gutmenschen“ fanatisch gepredigtem Verständnis. Man soll dies und das verstehen und man ist ein „böser“ Mensch, wenn man dies nicht tut. Nur finde ich dass ich durch meine Prägung durch Umfeld und Kultur nicht zwingend in der Lage sein kann zu verstehen was anderswo auf der Welt als normal gilt. Etwas nicht mit dem Verstand verstehen oder nachvollziehen zu können bedeutet jedoch nicht, dass man keine Wertschätzung an den Tag legen sollte. Ich muss nicht zwingend verstehen warum in anderen Kulturkreisen das Ein oder Andere so ist, aber ich kann es akzeptieren. Gleichwohl darf ich jedoch auch erwarten oder hoffen dass Menschen die meine Lebensweise nicht verstehen diese akzeptieren. Die Beobachtung der Medien in den letzten Jahren, aber auch Aussagen meiner Mitmenschen zeigen mir, dass sehr oft versucht wird mit der eigenen westlichen geprägten Sicht, die Geschehnisse und Verhältnisse auf der Welt zu bewerten. Ein gutes Beispiel dafür scheint mit der Konflikt im nahen Osten zwischen Israel und den Palistinensern zu sein.

    a) ist dieser Konflikt von seinen Ursachen und Zusammenhängen zu komplex.
    b) fehlt das eigene Erleben vor Ort. (Mitteilungen durch die Medien sind leider zu subjektiv und gemäß der „correctness“ entsprechend geprägt)
    c) Beide Seiten (sofern man davon überhaupt sprechen kann) bestehen aus einzelnen Personen, die alle ihre eigenen Gefühle zu der Situation haben. Von daher ist von einem externen Unbeteiligtem die Lage wie sie die Menschen dort empfinden gar nicht beurteilbar, da er deren Gefühle nicht messen kann.

    Ich habe versucht meine Gedanken zu dem Thema grob anzuschneiden. Man möge mir verzeihen wenn es an einigen Stellen etwas ungenau ist oder mißverständlich, denn schließlich ist diese Darlegung auch eine Kombination aus rationalem Nachdenken und Gefühl.

    Gerne möchte ich die Menschen dieser Welt statt in schwarz und weiß, gut und böse lieber in etwas einteilen mit dem ich besser umgehen kann. Arschloch und nicht Arschloch unabhängig von Nationalität und ethnischer Herkunft. Dem Arschloch kann ich aus dem Weg gehen oder wenn die Möglichkeit besteht mich mit ihm auseinandersetzen um einen Teil Verständnis zu erlangen. Mit dem Anderen kann ich mich freundlich verständigen und dazulernen und mein Begreifen erweitern.

    Abschließend fällt mir zu dem Grundgesetz ein, in dem das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit niedergelegt ist. Man kann dazu auch sagen.

    Tu was du willst, aber geh dabei anderen nicht unnötig auf den Sack. Bevor man sich an der Lösung der komplexen Probleme aufreibt, wäre das ein erster Schritt zu einem vernünftigen Zusammenleben.

  5. Pingback: Aufforderung an Herrn Sarrazin | Sein und Nicht-Sein

  6. Immanuel sagt:

    Hallo Matthias! Bis auf deine letzten drei Absätze bin ich voll bei dir.

    Gerne möchte ich die Menschen dieser Welt statt in schwarz und weiß, gut und böse lieber in etwas einteilen mit dem ich besser umgehen kann. Arschloch und nicht Arschloch unabhängig von Nationalität und ethnischer Herkunft.

    Das Problem ist nicht, nach welchen Kriterien die Welt in zwei Teile (das binäre Prinzip) zerlegt wird, sondern dass sie in zwei Teile zerlegt wird.

    Anders gesprochen: Ein Mensch ist nicht Arschloch oder Nicht-Arschloch, sondern in der Regel immer Arschloch und Nicht-Arschloch. Einem Menschen das Nicht-Arschlochsein nicht zuzugestehen, bedeutet meines Erachtens, seine Würde zu verletzen. Und von der Komplexität her ist eine Beurteilung von außen eh nicht möglich.

    Was die Meinungsfreiheit angeht: Wer definiert, was anderen unnötig auf den Sack gehen bedeutet? Für einen einzelnen Menschen kann man diese Frage vielleicht beantworten, aber auf die gesamte Gesellschaft gesehen werde ich kaum etwas sagen können, was nicht irgend jemand anderen aus der Gesellschaft stören würde. Die Meinungsfreiheit ist ein Recht des Einzelnen, und darf nicht aufgrund von Interessen anderer Menschen eingeschränkt werden, egal, ob diese sich in ihren Gefühlen verletzt sehen, oder es ihnen einfach auf den Sack geht. Auch politische Korrektheit ist an dieser Stelle als prominenter Meinungstöter ganz klar anzuprangern.

  7. Julia sagt:

    Wieso die Menschen in Schubladen aufteilen? Genau dieses System schafft doch die Probleme mit anderen Kulturen oder unter uns Einheimnischen in unserem Land!
    Alle Menschen sind gleich, egal welcher Herkunft!
    Man sollte sich nicht vor anderst sein führchten, es in „Schubladen“ stecken, sonderen mit tolerranz, neugierde und verständnis begegnen. UND das von beiden Seiten, wenn ich das nun mal auf Deutschland beziehe.
    EIn andauernter Dialog, zwischen den Kulturen und der Religionen, ist der weg für ein friedliches und produktives zusammen leben. Zudem ist es dann möglich kritik zu äussern die nicht gleich als rassistisch angesehen wird.

    Nur leider geht das in den Köpfen mancher Menschen einfach nicht herrein, sie stecken ihre Mitmenschen in Schubladen, weil sie entweder angst haben oder so verbort das sie die Möglichkeiten die eine Multikulteralen Gesellschaft nicht sehen oder sehen wollen.

    Herr Sarrazin ist und da gebe ich Matthias recht ist ist ein symtom, aber er ist leider Gottes nicht das einzigste. Es gibt immer mehr Mensch, die die Angst, unwissen und entschuldigt bitte die ausdrucksweise, Dummheit, der Bevölkerung ausnutzen um die Menschen aufzustacheln.
    Leider ist es so das ein Mensch noch intelligent ist, zwei auch noch aber ab drei Leuten verblödet den Menschen völlig und trotten einen „Füherer“ hinterher wie hirnlose Scharfe oder sind so verängstig das sie sich nicht trauen einen anderen weg zu gehen.

    Es muss mehr Aufklärung auf beiden seiten geschehen, wie gesagt mehr Dialoge statt finden, dann kann man Solche Symtome wie Herr Sarazzin schnell los werden, bzw kommen gar nicht auf.

    Was die Religion betrifft, kann ich nur sagen das man seinen eigen weg finden muss. Ich bin Christin, katohlisch getauft aber in erster line Christin und kann mit vielen regeln meiner Kirche nichts anfangen. Heisst ich gehe meine eigenen weg, der Nächstenliebe, Verständnis und Tolleranz die Jesus geprädigt hat.
    Den DAS ist meiner Meinung nach der Sinn des Christentums und nicht jedes Wort in der Bibel als 100% ige Weissheit zu nehmen.

    Das selbe gilt für alle anderen Religion, den jede hat zwei seiten, nur wenn jeder persönlich seine Einstellung zu seiner Kirche ändert, so das er für SICH den richtigen weg findet, kann man die Instutuion änderen. Nicht meckern und nichts tun, oder ausdrehten, sonderen eine stille friedvolle innerlich Wandlung durch führen.

    Ich entschuldige mich für meine Katastrophale Rechtschreibung, aber mein lebendiges Rechtschreibprogramm ist gerade auf arbeit und ich konnte ihn leider nicht erreichen.

  8. Immanuel sagt:

    Hallo Julia, vielen Dank für deine Offenheit. Keine Sorge wegen der Rechtschreibung, die Sprache des Herzens ist es, die zählt, und die kennt keine Rechtschreibfehler.

    Ich bin der Meinung, dass die Welt mehr Menschen wie dich braucht, die ihrem Herzen mehr vertrauen als den versteinerten Systemen, die sie vorgesetzt bekommen.

  9. Fuxi sagt:

    Punkt 2 hat viel Wahres. Schon während der WM hätte ich am liebsten die ganzen Autofahrer mit ihren tollen Plastikfähnchen am Autofenster fragen wollen, ob sie denn auch abseits von Fußball-WM und -EM und Olympischen Spielen Deutsche sind – und was das für sie heißt. Denn eigentlich haben wir nur eine gemeinsame Sprache, ansonsten sind wir doch Kleinstvölker mit Reisefreiheit… Wenn man mal genau hinsieht. Sieht man sich nur mal an, wie Nord- und Süddeutsche übereinander schimpfen (was sich auch prima an Bildungsfragen und dem Länderfinanzausgleich ablesen lässt), oder West gegen Ost. Eine gemeinsame Identität gibt es noch weniger als bei den Schweizern, und die sprechen drei Sprachen. Am ehesten zusammengehörig fühlen sich doch noch die direkten Nachbarn, wobei selbst das schwierig sein kann, wie man auch am Beispiel Hamburg/Schleswig-Holstein erleben kann. Für viele Hamburger sind die Schleswig-Holsteiner Provinzler, umgekehrt sind die Mäuler so groß wie die Stadt. Vor allem, je weiter man sich von Hamburg entfernt, desto deutlicher treten diese Gegensätze zu Tage – klar, der Speckgürtel, in dem noch viele Hamburger Arbeitnehmer wohnen, wirkt da als Pufferzone. Ich denke, woanders in Deutschland wird das ähnlich sein.

    Ich gehe so weit, zu behaupten, dass es keine gemeinsame deutsche Identität gibt. Ob es sie jemals gegeben hat, kann ich nicht beurteilen. Das „deutsche Volk“ identifiziert sich eher über gleiche Interessen miteinander. Sportliche Großereignisse, zum Beispiel. Oder beim „Kampf“ gegen neue Steuern. Aber wann fühlt sich die Gesellschaft noch als Gesellschaft? Das hat nichts mit einer Zersplitterung durch Ausländer zu tun – rein logisch schon, denn wenn die sich nicht integrieren und ihr eigenes Süppchen kochen, bleiben ja auch „die Deutschen“ unter sich, und man lebt nebeneinander her in getrennten Subkulturen. Das Hauptproblem ist, dass die Politik bei den Schnittstellen versagt hat. Man kann – das zeigt das Beispiel Schweiz ganz deutlich – durchaus als Vielvölkerstaat leben, wenn man die gemeinsamen Interessen als Schnittstellen versteht. Aber das braucht politische Führung, und die hat seit 1968 grundlegend versagt. Sie hat eine Ellenbogengesellschaft etabliert, indem sie gesellschaftliche Veränderungen bekämpft hat, und so wurde der Kampf zum Dauerzustand – nur dass es sich immer weniger gegen den Staat und seine Institutionen richtet, sondern vielmehr innerhalb des „Volkes“ stattfindet. Das sieht man auch an den Widerständen gegen politische Akte wie die Vorratsdatenspeicherung oder die Internetsperren: Das „deutsche Volk“ ist kaum noch fähig, sich gemeinsam im Protest zu erheben, in der gesamten Masse. Andernfalls hätten wir längst einen bundesweit einheitlichen Mindestlohn und per Dekret auch gleiche Lebensumstände in Ost wie West. Statt dessen kämpft in der großen Masse jeder für sich selbst zuerst, und wenn einem ein anderer dabei nützen kann, tut man sich vorübergehend mit ihm zusammen. Dabei entstehen aber keine lang anhaltenden Bindungen. Und wie sollen sich Zugezogene da integrieren?

  10. Pingback: Ein sehr schwarzer Tag | Sein und Nicht-Sein

  11. Mirko sagt:

    @Julia: „Alle Menschen sind gleich, egal welcher Herkunft!“
    Nein, alle Menschen sind unterschiedlich, egal welcher Herkunft oder sonstwas.
    Sie sind aber auch Herdentiere, weil sie alleine nicht überlebensfähig sind. Verbundenheit über die Nationalität ist nur eine Variante vom Zugehörigkeitsgefühl, und wie sich immer wieder zeigt, nicht eben die beste. Aber andere Varianten, egal ob nun über Religionen, Regionen, Fußballvereine, Musik, etc. sind auch nicht wirklich besser sofern sie – wie so oft – dazu neigen, sich überlegen zu fühlen und andere nicht tolerieren wollen (von Akzeptanz ganz zu schweigen).

    @Fuxi: Inwiefern hat die politische Führung denn versagt, wenn das Volk brav die Klappe hält? Ist das nicht das, was sich Führungen wünschen?
    Ich glaube aber auch nicht, dass das in irgendeiner Form mit „Nationaliätsgefühl“ zu tun hat. Denn wie du selbst schreibst: „wenn einem ein anderer dabei nützen kann, tut man sich vorübergehend mit ihm zusammen“. Das Potential für Protest wäre also durchaus gegeben.
    Bei deinen Beispielen liegt das Grundproblem eher daran, das Probleme gar nicht als solche erkannt werden. In der Generation meiner Eltern aufwärts haben die meisten von den ganzen Problemen, die die Piratenpartei vertritt, noch nie gehört – und von den Piraten nicht mehr als von z.B. den Violetten. Und den Mindestlohn wollen auch viele nicht, weil sie den Unheilsdrohungen (Jobverluste! Abwanderung! Wir werden alle sterben, äh, Pleite gehen!) diverser INSM-Anhänger glauben…
    Und dass Egoismus oft vor irgendwelchen Gruppengefühlen kommt, sieht man auch in genug Ländern. Die USA haben ja z.B. auch einen ausgeprägten Patriotismus. Aber ein soziales Gesundheitssystem wollen, solange man selbst gut verdient? Nicht doch!

  12. Fakealarm sagt:

    Meine Fresse, der Blog http://thilosarrazin.blogspot.com/2010/08/das-ergebnis-ungehemmter-und-falscher.html?showComment=1283232066214#c2946153308015232236 ist ein FAKE um Sarrazin zu diskriditieren.

    Das könnten sie auch schnell feststellen, wenn Sie mal etwas kritisch lesen würden.

    Sehr faire Vorgehensweise.

  13. Fakealarm sagt:

    Ihren 4. Punkt verstehe ich nicht ganz.

    Ansonsten haben Sie interessante Ansatzpunkte.

    @Mirko
    Bei der Frage nach unserer Identität geht auch nicht im Kern darum, was uns jetzt an Haltung zu unserer nationalen Identität genehmer wäre, sondern das eine solche Identität überhaupt da sein muss und zwar um das zu verhindern, was im Ausgangsbeitrag stand: „Die Gefahr einer Unterwanderung durch eine fremde Kultur“, die wohlgemerkt mit den Menschenrechten auf Kriegsfuß steht und uns zu Unterwandern droht, da sie ein abgrenzendes Merkmal von unserer Gesellschaft liefert, wir aber unsererseits kein integrierendes Merkmal anbieten können, welches uns zugleich wiederum von denen abgrenzt, welche die Integration verweigern, um bei ihrer problematischen Kultur und ihren traditionellen Aspekten zu verharren und ihren Einfluss in unserem Land (zum Nachteil der Menschenrechte und der Freiheit bietenden Gesellschaft) auszubauen.

  14. Fakealarm sagt:

    Entschuldige bitte, das ich bei meinem ersten post etwa rüde war.

    Mich hat das ständige Diffarmieren von Sarrazin, dann auch noch durch diesen Fake-Blog aufgeregt, mir ist daher nicht aufgefallen, dass ihr Blog eigentlich recht differenziert ist.

  15. Immanuel sagt:

    Kein Problem. Ich finde es ja super, dass sich jemand darum kümmert, dass diese Blogbetreiber nicht einfach weiter ihr Unwesen treiben dürfen. Denn jeder, der darauf reinfällt, macht den Blog plausibler.

    So scheint auch Herr Broder auf den Blog hereingefallen zu sein (oder ist das auch Fake?), der ja auch nicht als unkritischer, angepasster Mensch bekannt ist.

    Es ist halt das große Problem des Internets, dass wenn man sicher sein will, nicht auf Fake hereinzufallen, man eigentlich den Rechner ausschalten muss ;-).

  16. Immanuel sagt:

    @Fakealarm: Bezüglich Punkt 4 ist vielleicht der Beitrag „Die 2. Aufklärung“ erhellend. Dort gehe ich auf die beiden genannten Bücher ein.

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